Gedichte




Brücken


ALEKSEI BOBROVNIKOV


Kennedy’s bridge

There’s the bridge, called the Kennedy bridge
in a few towns, I know.
It’s a symbol and yet a mean of communication
between two sides of something
(anything in fact)
a road between the banks of the river, the railroad tracks.
I often think of a bridge as a rod and a line, connected to the                                                                                                                  unknown
Expectation.
Rise and fall.
The change.
The choice.
The chance.
The beauty of a straight sharp line.
(As there are no turns nor twists on a bridge.)
It’s a place where you cross when the decision is already made.
Sometimes on both
Sides.
That is why Kennedy’s bridge is a perfect name for any bridge, 
                                                                 as wherever it leads to it leads 
to a place of a choice.
I remember
(although I was not born at that time)
my granddad crying when he heard the news on JFK in Dallas.
And his wife held his head as she heard
Jacklin did
with John’s.
I think of it when I cross any bridge
In particular
the Kennedys.
As the more beauty and artistic splendor, that structure has
the more strength the symbol of a bridge
bears —
the symbol
that goes with the name
as the name
and its glory
always cross
first.
And this is precisely what Ed Kennedy failed to consider
in 1969
leaving the site of an accident
and then watching all the glory of his name
falling from that ill-starred
Chappaquiddick
bridge
with the car with that drowned corpse, he left behind.
That destroyed the whole glamour
of the
Kennedys
name
over-
night.

ABSATZTITEL


Kennedy-Brücke

In einigen Städten, die ich kenne
gibt es eine Brücke, die Kennedy-Brücke heißt. 
Sie ist Sinnbild und vermittelt zugleich 
zwischen zwei Seiten von etwas
(von irgendetwas vielmehr)
eine Straße zwischen den Flussufern, den Bahngleisen.
Ich denke oft an eine Brücke als an eine Rute mit Leine, 
                                                           verbunden mit den Unbekannten
Erwartung
Aufstieg und Fall.
Die Veränderung.
Die Entscheidung.
Die Möglichkeit.
Die Schönheit einer geraden, genauen Linie.
(Da es auf einer Brücke weder Biege noch Wende gibt.)
Sie ist ein Ort, den du querst, wenn die Wahl schon getroffen ist.
Manchmal auf beiden
Seiten.
Darum ist Kennedy-Brücke der perfekte Name für jede Brücke,
                                                      denn wohin sie auch führt, sie führt  zum Ort einer Entscheidung.
Ich erinnere mich
(obwohl ich damals noch nicht geboren war)
dass mein Großvater weinte, als er die Nachrichten aus Dallas 
                                                                                          hörte, über JFK.
Und seine Frau hielt seinen Kopf, als sie hörte,
Jacklin tat das gleiche
mit Johns.
Ich denke daran, wenn ich irgendeine Brücke überquere
besonders
die Kennedys.
Denn je schöner und kunstvoller das Bauwerk ist
desto mehr Kraft trägt das Symbol 
der Brücke —
das Symbol
das sich mit dem Namen verbindet
denn der Name
und sein Ansehen
überqueren sie immer 
zuerst.
Genau das ist es, was Ed Kennedy nicht bedacht hat
1969
als er den Unfallort verließ
und dann zusah, wie der Ruhm seines Namens
von der unglückseligen
Chappaquiddick-Brücke
kippte
mit dem Auto und der Leiche der Ertrunkenen darin, die er 
                                                                                 zurückgelassen hatte.
Das zerstörte den ganzen Glanz
des Namens
Kennedy
über
Nacht.

Magellan’s plague

A ship
never tells a story of the rats
who climbed
or abandoned
the three-master.
There’s always an untold story
behind every success
and every disaster.
The black boxes 
if they existed in Magellan times
would never talk 
that small talk 
the rats, probably, 
talk
discussing the quality of a last
bean
or the leak
or the silent ice 
rock.
Though the only thing that really frightens 
the rodents
is the pride
of the captain
leading the ship to a discovery
or her last
storm.
A struggle for survival between the frightened 
is always an untold story
that cannot be
undermined.
It is a real game changer
more powerful than all the Aztec gold
and whale bones 
always bringing something unexpected
as the plague
of the winner
coming back from the unknown continent
for the winner
bringing back gold
never comes 
alone.


Magellans Seuche

Ein Schiff
erzählt nie die Geschichte der Ratten 
die den Dreimaster
enterten
oder verließen.
Es gibt immer eine unerzählte Geschichte
hinter jedem Erfolg
und jedem Desaster.
Die Black Box
hätte sie zu Magellans Zeit existiert 
spräche nie
von diesem Geplauder
die Ratten
reden vermutlich
über die Qualität der letzten 
Bohne 
oder das Leck
oder das stumme Eis
Gebirge.
Obwohl das einzig wirklich Beängstigende
für die Nager
der Stolz
des Kapitäns ist
der das Schiff zu einer Entdeckung führt
oder in ihren letzten
Sturm.
Ein Überlebenskampf unter den Verängstigten
ist immer eine unerzählte Geschichte
die nicht
zerfressen werden kann.
Er ist eine echte Wende im Spiel
gewaltiger als alles Aztekengold
und Walknochen
die immer etwas Unerwartetes mit sich bringen
wie die Seuche 
des Siegers
der vom unbekannten Kontinent zurückkehrt 
denn der Sieger 
kommt nie zurück
mit Gold
allein.

The fisherman´s God

They say the ocean gave birth
to any kind of a living creature:
to a fly and a bird and a fish and a saw
and a log, that turns into a perfect boat.
all sorts of things.
And the god himself
he probably
used to be a big fish once.
A great, splendid shark
who gave the creeps to all the smaller creatures
made them dream of safety, a stove, a little kitchenette
and a digital camera
to shoot their former enemies.
That’s probably how the world as we know it has emerged.
What could be the other reason for a fish ever to seek a safe haven?
Learn to walk
drag its feet
talk of heaven
all that kind of things?
What else if not a fear of an inevitable and painful death
in the teeth of that splendid bone machine we now call
The Creator?

Heaven and angels,
in fact we’ve abandoned the real god to look for its marks
and signs
and toothmarks
elsewhere.
Where is a place for sharks or killer whales in all this complex 
                                                                              system called religion?
We should worship them
for that ancient fear that made us jump out of our real selves
and become what we are…
Learn to breath and write and dig into the ground.

Now I stay here at the seaside.
Taking pics and thinking of all those wild years of drive and 
                                                                                                      madness.
Millions of years that made me what I am.
And the first thought is:
Good Lord, thanks there’re no sharks around here
to make me seek for a new start
on shore.
For sharks sake!
Probably its different for those people in California, though …



Der Gott des Fischers

Es heißt, das Meer brachte
jede Art von Lebewesen zur Welt:
Fliege und Vogel und Fisch und Säge 
und einen Holzklotz, aus dem ein perfektes Boot wird.
Dinge aller Art.
Und Gott selbst
war einmal
ein großer Fisch - wahrscheinlich.
Ein prachtvoller Riesenhai,
der allen kleineren Geschöpfen Angst machte
sie von Sicherheit träumen ließ, einem Herd, einer Kochnische 
und einer Digitalkamera
für Schnappschüsse von ihren früheren Feinden.
So in etwa ist die Welt, wie wir sie kennen, wohl entstanden.
Aus welchem Grund sollte ein Fisch sonst nach einem sicheren Hafen suchen?
Laufen lernen
sich auf Füßen dahinschleppen
vom Himmel reden
all diese Dinge?
Was, wenn nicht aus Furcht vor einem unausweichlichen und 
                                                                                    schmerzhaften Tod
in den Zähnen dieser prächtigen Knochenmaschine, die wir heute
Den Schöpfer nennen?

Himmel und Engel,
in Wirklichkeit haben wir den wahren Gott verlassen und suchen
                                                                                                       sonstwo 
nach seinen Malen
und Zeichen
und Bisspuren.
Wo in diesem komplizierten System namens Religion ist Platz für
                                                                                Haie oder Killerwale?
Sie sollten wir anbeten
um jener uralten Furcht willen, die uns aus unseren wahren Ichs
                                                                                                      springen 
und uns werden ließ, was wir sind …
Uns atmen lernen ließ und schreiben und in der Erde buddeln.

Nun bin ich hier an der Küste.
Mache Fotos und denke an all die wilden Jahre von Trieb und
                                                                                                           Wahn.
Millionen von Jahren, die mich zu dem gemacht haben, was ich
                                                                                                                bin.
Und der erste Gedanke ist:
Großer Gott, danke, dass hier keine Haie sind
die mich zwingen, noch einmal von vorn anzufangen
an Land.
Hai behüte! 
Obwohl: die Leute in Kalifornien sehen das wahrscheinlich anders.

deutsch von Sylvia Geist

KARIN FELLNER


apartes Altern

dir entgegen rag ich, trage nichts weiter als
mein Leibchen, sehe ab vom alten Ego und dehne 
dem altera pars mich zu:                     Du! wenn wir zwei so
leicht von uns abstehen wie unsere Ohren, wenn
wir rausspringen aus unsern Kragen, wackelig und form-unbewusst vorkragen – bilden wir dann eine Brücke
von mehreren Spannweitenmetern?
spannen wir uns doch ab und quellen über das Schramm-
bord, lassen die Idee von Beschlächten zurück und
horch: wie die Rückgrate jetzt zu brizzeln beginnen!

ABSATZTITEL


... furt, fürt, fort ...

Aus meinen Beamtenfluren biege ich ab und biege
die Flure selbst um, spanne ihren alten Beton
zu einem Halbbogen auf.

Auf diesem abrupten Plateau häng ich jetzt ab oder rum,
häng meinen Mund hinaus in eine mundo aus
Fernstraßen und Nomen.

Da ragt doch etwas schräg aus unserm Zivilprojekt?
Sind ein paar Hauptträger korrodiert und rieseln?

„Ich finde, dass zu viel steht“, sagst du, „Dinge ins Haus,
Haare zu Berge sowie, immer noch, der Ver-Stand.“

Dabei ist allseits doch ein großes Steigen, Fallen
von larks und l’arcs.

Bin mehr so ein Furttyp, merk ich,
down-to-earth, toute petite.


CATE MARVIN


Cry Heard, Far Off

A prehistoric noise saws the air.
Will someone please help that creature?
The silver dome of the Elephant´s House,
clouded in drizzle, is closer to this house
than other exhibits, but that ancient noise
cannot be theirs. Grey against gray,
the day will not unsettle.

City trees clump, stuporous in grinding
atmosphere. Will someone please help
that creature? It sounds up high, caught
in the traffic of trees. At its cry the dog´s
ears prick. Now she moves her length
along the door anxiously. Struck it sounds,
stuck and unhelped.

It sounds up high, caught in the traffic
of air. It is time, I know, to discover
what creatures are housed there. But, Zoo:
I hesitate, I do not like to see a cage.
Though that screech: a noise bent like a saw
to split dull afternoon. I would have it high,
trafficked by trees.

I know it is time I discover the creature
large enough to raise that noise, feathered.
How does it preen, where does it sleep,
what sorts of things do they give it to eat?
Its noise says it is caught an uncaught.
Now the noise has stopped. Someone replaces
a cage to its creature.

ABSATZTITEL


Schrei gehört, weit weg

Ein vorzeitlicher Lärm sägt die Luft.
Würde bitte jemand dieser Kreatur helfen?
Die Elefanten in ihrem silbernen Dom, umwölkt
von Nieselregen, sind dem Haus hier näher
als andere Exponate, aber dieser uralte Lärm
kann nicht ihrer sein. Grau gegen grau,
wird der Tag sie nicht verstören.

Stadtbäume im Pulk, stumpf im Mahlen
der Atmosphäre. Würde dieser Kreatur bitte 
jemand helfen? Es klingt hoch, gefangen
im Betrieb der Bäume. Sein Schrei sticht in die Ohren
der Hündin. Jetzt robbt sie ängstlich
an der Tür entlang. Angeschlagen klingt es,
eingeklemmt und im Stich gelassen.

Es klingt hoch, gefangen im Betrieb
der Luft. Zeit, herauszufinden, welche Kreaturen
hier untergebracht sind, ich weiß. Freilich, der Zoo:
Ich brenne nicht darauf, möchte keinen Käfig sehen.
Doch dieser Schrei: ein Lärm, gekrümmt wie eine Säge,
die den dumpfen Nachmittag teilt. Ich würde sie hoch
ansetzen, umfahren von Bäumen.

Ich weiß, es ist Zeit die Kreatur zu entdecken,
groß genug, dieses Geräusch hervorzubringen, gefiedert.
Wie putzt sie sich, wo schläft sie,
was für Dinge geben sie ihr zu fressen?
Ihr Lärm sagt, sie ist gefangen und nicht gefangen.
Jetzt hat der Lärm aufgehört. Jemand setzt
einen Käfig über seine Kreatur.

                                                                                  deutsch von Sylvia Geist

PETER PIONTEK


EINEN BAUM FÄLLEN

            cutting a tree
  seeing the sawn trunk it grew from
       (Basho / Jane Hirshfield)

ein Haus verlassen
sich die Strähnen aus dem Gesicht
sich die Kinder aus dem Kopf
sich die Strähnen ins Taschentuch schlagen

einen Baum fällen versinken
in die Betrachtung des Stumpfes
ein Kindergesicht
Schuberts Streichquartett D 810 /
Musik für einen ausgestorbenen Garten

der Mond in dieser Nacht eine Scheibe
vom gefällten Baum soll dich begleiten

leer hallen die Wände wieder
im Haus der Trennung
es ist feucht es riecht
nach Mörtel riecht nach
Wörtern die gemacht wurden
oder verschluckt

einen Teich anlegen
Kinderbitten bitter werden lassen
einen Baum fällen

ein Haus anzünden nämlich verlassen
die Entwürfe verbrennen

darüber haben wir nie geredet nein
darüber haben wir nie geredet

ABSATZTITEL


HINTERHOF

Ich verlasse die Höfe mit
den alten vergreisten Bäumen

dieses Leben also in dem das Licht
angeht in einer Küche gegenüber

dieses Leben in dem es diesen Hinterhof
gibt in den ich hinunterschaue

in dem sich ein Fünfjähriger die Finger
klemmt mit einer Beißzange

(der Hühnerhagen sollte abgerissen werden, es
war nicht mehr die Zeit für Hühner in der Stadt)

wir haben Hinterlassenschaften gesichtet
meiner Eltern so viele Jahre haben

ihre Erinnerungen verloren dieses Leben
kann ich nicht mehr erreichen

ich zeichne die Linien der Dächer
jenseits des Hofes nach Schornsteine

Antennen der alte Birnbaum ähnelt
einer Häkelarbeit mit grünem Garn

dieses Leben also ich stehe
vom Tisch auf stelle die Stühle hoch

ich lösche das Licht und horche
auf das Geräusch mit dem die Tür
ins Schloß fällt


HAIBUN AUF EINER BRÜCKE

Das letzte gespeicherte Bild: Am Schaalsee, die Unglücksstelle. Eine Wolke hängt hinein in den Stichkanal, der sich hier zum See hin öffnet. Ein paar fröhliche Blätter im Vordergrund, Uferschilf, weiter nichts. Aber gleich wird er die Bilder verlieren.
Seltsam sich in einer Landschaft zu bewegen, die man seit seiner Jugend kennt, wo man aber seit Jahrzehnten nicht mehr gewesen ist. Die Wege vertraut, als ob keine Zeit vergangenen wäre. So ein Tag war es, als wir nach Seedorf gingen. Sommer. Die gute Hitze, die die Kiefern und Fichten duften läßt. Sandige Wege. Auf der Brücke über den kleinen Kanal machen wir halt. Ich fotografiere die schwere Wolke, den Turm, der sich im Wasser spiegelt, und das Schild an dem windschiefen Pfahl, der auf den besonderen Schutz dieses Gewässers hinwies.
Es war ein Libellentag. Auf dem Steg unterhalb der Brücke wechselte ich die Speicherkarte der Kamera – und erstarrte. 
Das dünne Kunststoffplättchen glitt mir aus den Fingern und segelte wie schwerelos hinab. Doch es blieb nicht auf der Planke liegen, sondern verschwand in der Ritze zwischen zwei Bohlen und war weg, war ins Wasser gefallen. Du warst es schließlich, die sich auszog und sich heldenhaft aufmachte ins Dunkel.

den mond ließest du
aufgehen mittags beide
backen leuchten hell
über dem wasser als du
tauchst die bilder zu retten



Reizklima


SAM ZAMRIK


Rückschritt

        Ich bin nur ein Kind—
        weißt Du—mit
        l—a—n—g—e—n  Beinen, und
        einer
        nichtausreichendweiten Brust—
                   gekrümmten Schultern—
Knien, die immer schlackern—
         Nerven, die zwischen
Strenge     und         Drang
         eingeklemmt sind—

         Augen, die sich vor allen
         verstecken wollen
         (aus gutem Grund)—

         Herz und Haut,
         die zittern, immer
         nach jedem Wort.

         Ich habe zu wenig
                    Kraft, um mich HOCHzuziehen.
         Ich stehe FAST auf, und
falle
         doch wieder
                    dorthin
zurück,
         wo ich aufgewachsen bin.




Apathy

I stare into high noon.
I see the fight in the wide white disk
of the sun, diffusing ray upon ray
of its cosmic fission.

It gives me vision,
and takes it away.

From mountains
to flatlands fled
I, foreign, and ferried
for an unfair fare
across woods
and seas.

The black cloud
right beneath my skin
does not let me breathe.

Though content
with godsent joys,
I cannot smile.
All the while,
I turn my graceless,
charred face
from love and from
all the warmth
at finger's reach.

Each day,
this brain frays;
this mesh of flesh
does more decay.



Hazy Gaze

        The great brown mountaintops
were melting into meadows
and ridged plains overflowing
with their own substance
in a thick stream growing
thicker under the heat.
        A great scythe in the sky
unraveled more of the earth
and dug deeper into its roots,
reducing their very soul
to the heap of lumpy mud
whence they came.
       The sky was lit
by luminous eyes
projecting light rays
as plenty as days,
and thereupon each
perched a songless deformity
meddling with what it lit.
       Now,
what if the scythe were
my tablespoon,
the mountaintops were on my plate
and it were a plastic plateau?
       Were these eyes mine,
they would not shine—
only see and suspect
a gateway to introspect.
       What if the earth were
my foregone lover,
or my mother?
       What if...
what if it were chocolate,
this liquid subject
and hazy object
I nigh perceive?  









































Apathie

Ich starre in den Mittag.
Ich sehe den Kampf in der weiten weißen Scheibe
der Sonne, ihre Strahl um Strahl versprenkte
kosmische Aufspaltung.

Sie gibt mir eine Vorstellung
und nimmt sie fort.

Vor Bergen
ins Flachland floh
ich, ausländisch, fremd und befördert
zu einem unbilligen Tarif
durch Wälder
und über Meere.

Die schwarze Wolke,
gerade noch so unter meiner Haut,
lässt mich nicht atmen.

Obgleich zufrieden
mit gottgegebenen Freuden,
bin ich nicht heiter.
Immer weiter
wende ich mein gottloses,
verkohltes Gesicht ab
von der Liebe und von
all der Wärme
in Fingerreichweite.

Dieses Geflecht Gehirn
zerfranst tagtäglich,
dieses Gestirn aus Fleisch
verdirbt allmählich.



Benebelter Blick

       Die großartigen braunen Berggipfel
zerschmolzen zu Wiesen
und zerfurchte Ebenen, übervoll
mit ihrer eigenen Substanz,
zu einem mächtigen Strom, mächtig
verdickt unter der Hitze.
       Eine großartige Sense am Himmel
entschleierte mehr von der Erde
und grub sich tiefer in ihre Wurzeln,
schnitt ihre Seele
zurück bis auf den klumpigen Haufen Schlamm,
aus dem sie kamen.
       Der Himmel brannte
von leuchtenden Augen,
die Lichtstrahlen warfen,
zahlreich wie Tage,
und jeder ließ sich auf

eine  liedlose Unförmigkeit herab,
mischte sich mit dem, was er entzündete.
       Nun,
was, wenn die Sense
mein Esslöffel wäre,
der Berggipfel auf meinem Teller
und der ein Hochplateau aus Plastik?
       Wären diese Augen meine,
sie würden nicht glänzen—
nur sehen und etwas ahnen,
ein Einfallstor der Selbstprüfung.
       Was, wenn die Erde
meine aufgegebene Geliebte wäre
oder meine Mutter?
       Was, wenn …
was, wenn es Schokolade wäre,
dieses flüssige Subjekt
und vernebelte Objekt,
das ich beinahe erkenne?


deutsch von Sylvia Geist

MOHAMAD NASSEREDDINE


Exchanging Places

It’s 3 o’clock, just before dawn
you check Facebook with a half-closed eye
you find a “like” from a friend who died two year  ago,
he asks you in a private message about his leather watch
and about life in its dial, and that monotonous sound:
tick tick tick,
and about his debts to the neighborhood grocer:
nail clippings, marlboro boxes, bad-tasting canned
goods,
then he asks you about a card table
and did you marry a girl of spades,
a widow in a black chador carrying two roses
and about the red king with a white beard
when he avenges Hussein and Lorca.
In turn, you ask your friend who died two years ago
about your father when so much snow fell behind the mountains,
and about many things behind the closed
door:
Does Karl Marx resemble God with his unkempt beard
and about the sex of angels in the distant heavens
and how killed children stare with the eyes of their killers.
After that, a long silence prevails over the small screen,
you exchange beds with your friend in the long sleep.








Readymade Roles

It occurs me to end the day
so I climb onto its stage and lower the curtain.
I realize that the day has returned

it passed in the day to come
so I draw upon the virginal page
a present that resembles the past.

I love that my times are already prepared
for me to wait for them upon a chair
and they come, blooming.

Why don’t the roles come prepared?
Why isn’t paradise ready?
Yet it is indeed ready.






Die Plätze tauschen

Es ist 3 Uhr, kurz vor Sonnenaufgang,
du checkst Facebook mit halb geschlossenem Auge,
findest ein Like von einem Freund, der vor zwei Jahren starb
und dich in einer privaten Nachricht nach seiner Uhr mit dem
                                                                                 Lederarmband fragt, ob ihr Zifferblatt noch lebt und dieser monotone Sound:
ticktack ticktack,
redet über seine Schulden beim Lebenshändler um
die Ecke:
abgeschnittene Nägel, Marlboro-Packungen, schlecht      
                                                             schmeckendes Konservenfutter, 
dann fragt er dich nach einem Kartentisch
und ob du ein Pik-Mädchen geheiratet hast,
eine Witwe in schwarzem Tschador, die zwei Rosen trägt,
und nach dem roten König mit weißem Bart,
der Hussein und Lorca rächt.
Im Gegenzug fragst du deinen vor zwei Jahren verstorbenen
                                                                                                         Freund
wie es deinem Vater ging, als hinter den Bergen so viel Schnee fiel,
und nach vielen Dingen hinter der verschlossenen Tür:
Hat Karl Marx mit seinem zerzausten Bart Ähnlichkeit mit Gott,
was ist mit Engelsex in den fernen Himmeln,
und warum starren ermordete Kinder mit den Augen ihrer
                                                                                                        Mörder.
Danach breitet sich ein langanhaltendes Schweigen über dem
                                                                             kleinen Bildschirm aus,
du tauschst im langen Schlaf mit deinem Freund das Bett.



Rollen, readymade

Mir ist danach, den Tag zu beenden,
also klettere ich auf seine Bühne und lasse den Vorhang herunter.
Ich stelle fest, dass der Tag wiedergekehrt ist,

er ging vorbei im Lauf des Tages, der kommen sollte,
also zeichne ich auf das unbeschriebene Blatt
eine Gegenwart, die dem Vergangenen ähnelt.

Ich liebe meine Zeiten, die schon vorbereitet sind
auf mich, der sie auf seinem Stuhl erwartet,
und sie kommen, in voller Blüte.

Warum kommen die Rollen nicht vorbereitet?
Warum ist das Paradies nicht bereit?
Doch, in der Tat, es ist bereit.


deutsch von Sylvia Geist

CHARL-PIERRE NAUDÈ


ʼn Tyd vir sprakeloos
           
Dit lyk nou na ʼn straf,
die gekoesterde samelot,
na iets om te vermy.

Dis oral rondom,
ek adem, sterf daarvan: politiek.

Ek is siek   
van die manier waarop alles verword het,
na dít:

’n gesmokkel in openbare plekke
van hamers in watte toegedraai,
bekkige draaiswingels;

en doen-dit-self
toestelle
(een grootte vir ieder),
uitgedeel
by partysaamtrekke
om wolhaarstories by die huis mee te gaan opkirts

van die onskryfbare, afgeskrewe,
van waarheid bevryde
woord.

Verneukspul.
Bedrog.
Plundering.

En vandag is nog een
van daardie roemryke dae, herdenkings-
dae met hul skone, verdorwe name:
Heldedag, Vryheidsdag, Dag vir Gestremdes,
Nasionale Omgedraaide Vullisblikdag.
Dag van die Staatshoof se Drolplanting.

En toevallig, wraggies,
is dit ook Vrouedag.
En al wat ek begeer is om alleen te wees.
Wat ʼn fees!
Dis waarvoor vroue daar is, soms,
nie waar nie?
Die heiligheid dáárvan!
Natuurlik sal ek soos dit hoort
aan hierdie brengers van gawes dink.
Maar, in Vadersnaam: sonder woorde.

Het ek die noodlot,
enige vrou, by die naam genoem?
Dan was dit seker maar my gedagtes.

Ek loop die strate in
vir ʼn wandeling.
ʼn Wind word in die wydheid opgeklits

en met gewiekte gulhartigheid
en baie teer,
plak dit ʼn warm
nat blaar
op my wang.
Niks anders as diplomasie,
verdomp politiek nie.

Hoe kan ek op dit alles antwoord?

Ek weet van ʼn huis
verder in die wyk af,
onlangs met planke toegeslaan.
Die breek- en die silwerware
is in dik pluise koerantpapier toegedraai
en die kratte toegespyker.

Niemand het die die geraas
van druksinne nog gelees nie
aangesien niemand ’n snars meer omgegee het nie,
tog had dit ʼn funksie.

Die pakkers het met drif te werk gegaan
terwyl die eienaars toekyk.
Daarna het almal inderhaas vertrek.
ʼn Wedloop teen die tyd.

Maar eendag sal die erfgename terugkom
na hul erfenis toegeplak
in verbleikte leuens

en met trane in die oë
die porselein weer uitpak.




A time for no words
           
It now seems a punishment,
the cherished collectivity,
a thing to avoid.

It’s all around,

I am breathing, dying of it: politics.

I am sick   
of the way things have become,
this:

a public smuggling of hammers in cotton wool;
a cache of noisy turn-handles,

do-it-yourself tools
(one size fits all),

distributed
at party rallies to take home and hoist up
tall truths

of the un-writ, written off,
truth-rid word.

Deceit.
Fraud.
Plunder.

And, today
is another one
of those famous days, commemorative
days with their beautiful, corrupted names:
Heroes Day, Freedom Day, Day for the Disabled.

National Upturned Dustbin Day.
Day of the Presidential Turd.

It happens to be National Women’s Day.
But all I want is to be alone.
What a feast!
What women are there for, at times?
The sanctity of that.   
Naturally I’ll think of these givers of gifts,
 
But, in God’s name: without words.

Did I mention fate,
reference a particular woman?
Then it must have been my thoughts.

I walk into the street for a stroll.
A wind is being whipped up

and with winged generosity
it sticks
a wet leaf
gently on my cheek.
Damn such politics,
it’s nothing but diplomacy.

What can one say to this all?

I know of  a house

down the street, recently boarded up.
The crockery and the silver is tied
in thick wads of newspaper,
and cased in boxes.
Nobody had read the noisy print, since nobody cared,
but it had a function.

The workmen worked fast,
while the owners stood by.
Then everybody had to leave in haste.
For it is a race against time.

But one day the heirs will return
to their heritage pasted in faded lies.
and with tears in their eyes

unwrap the porcelain.
 











Zeit für Sprachlosigkeit

Jetzt sieht es wie eine Strafe aus,
das geschätzte Miteinander, 
etwas, das man vermeiden sollte. 

Sie ist überall,
ich atme sie ein, gehe ein an ihr: Politik.

Ich hasse sie,
die Art, wie die Dinge gelaufen sind,
so:

der allgemeine Schmuggel von Hammern in Watte; 
ein geheimes Lager voll lärmiger Drehgriffe

und Do-it-yourself-Werkzeugen
(eine Größe für alles),
ausgegeben 
an Parteitagen, um hohe Wahrheiten 
zu hissen,

das ungeschriebene, abgeschriebene,
verhökerte Wort.

Täuschung. 
Betrug. 
Plünderei.

Und heute ist wieder einer
dieser berühmten Tage, dieser denkwürdigen
Tage mit ihren schönen, korrumpierten Namen:
Heldentag, Freiheitstag, Tag der Behinderten.
Nationaler Mülltonnen-Aufstell-Tag.
Tag des Präsidialen Misthaufens.

Zufällig ist es der Nationale Frauentag.
Dabei ist alles, was ich will, allein sein.
Was für ein Fest!
Wofür sind Frauen da, zu Zeiten?
Die Unantastbarkeit davon. 
Natürlich denke ich an diese edlen Spenderinnen,
aber in Gottes Namen: ohne Worte.

Hab ich was von Schicksal gesagt,
in Bezug auf eine bestimmte Frau?
Dann muss es in Gedanken gewesen sein.

Ich ging raus auf die Straße, Luftschnappen.
Wind war aufgekommen,

und mit beschwingter Freigebigkeit
klebte er mir
ein nasses Blatt 
sanft an die Wange.
Verdammt sei so eine Politik,
nichts als Diplomatie.

Was kann ich sagen?

Ich kenne ein Haus
unten an der Straße, ganz mit Brettern verrammelt.
Das Geschirr und das Silber hat man 
in dicke Lagen Zeitungspapier gewickelt
und in Kartons versenkt.
Keiner hat das Fettgedruckte gelesen, keinen kümmerte es,
und doch hatte es eine Funktion.

Die Möbelpacker arbeiteten schnell,
während die Eigentümer dabei standen.
Dann mussten alle los, schnellschnell. 
Es ist ein Wettlauf mit der Zeit.

Aber eines Tages werden die Erben zurückkommen
zu dieser Hinterlassenschaft, eingeschlagen in verblichene Lügen,
und mit Tränen in den Augen 

das Porzellan auswickeln.


Om ons beeld te soen

Wat is hierdie lippoets,  
die mondlak 
wat ons aanplak 
om mekaar as burgers
te soengroet?

Dit skyn te veel.
Soos dolke.

Soos die vel 
van ’n slang wat afgedop het in die spieël.

Die tande van die gryns 
is ’n lang dun geraamte 
wat naderhand 
soos die grate van ’n paling deur ons blikke seil

singende van gevoel 
vir voormalige fame 

van seedieptes.
Dit weet die beste skans 
is ’n bietjie flikkerende glans.

En die driedimensionele 
silwer glinstering, 
die lyksak,
(ons geskiedkundige spieëlself) –

hierdie administratiewe peul,
girts oop

het oopgekraak –

o, Trojaanse perd – 

om ’n ry grinnikende sade 
soos die god 
van ’n primitiewe geloof
te ontbloot.

Ons aanmekaar gestikte saamheid, 
die saamgeperste soen, 
het losgetorring.

Dit is die versaakte papie
van ’n idee deur lug gebaar, 
wat ons nou ontgaan.

Geen polsslag aan die slagoffer nie.
Selfs gevaar bestaan nie meer nie.

En mens kan die spieël slegs gade slaan 
as jy so dood is soos die beeld daarin.


Kissing our image

What is this lip gloss,
this glaze –
which we apply 
to kiss one another 
as citizens?

It shines too much.
Like daggers.

Like the husk 
of a snake that came off in the mirror.

The teeth of this grin 
is a long, thin skeleton 
that sails through our gaze like the bones of an eel 

singing of feeling, 
of former depths. 

Sea depths.
It knows the best armour 
is a flash of glamour.

And the threedimensional 
silver sheen, 
the body bag,
(our mirror-self for so long) –

this administrative pod,
unzips

has cracked open –

o, Trojan horse – 

to reveal seeds grinning 
like the god 
of a primitive religion.

Our sewn up togetherness, 
the pursed kiss, 
has unravelled.

It is the discarded chrysalis
of an airborne idea 
that now escapes us.

No pulse to the casualty.
No danger even exists anymore.

And you can only behold it
if you’re as dead as the image.




Beim Küssen unseres Bildes

Was für ein Lipgloss ist das,
diese Glasur,
die wir auftragen,
um einander zu küssen,
als Bürger?

Es glänzt zu stark.
Wie Dolchblicke.

Wie die Haut
einer Schlange, entglitten in den Spiegel.

Die Zähne dieses Grinsens
sind ein langes, dünnes Skelett, Knochen
eines Aals, was durch unser Starren segelt,

singend vor Gefühl,
vor einstiger Tiefe.

Meerestiefe.
Es weiß, die beste Waffe
ist ein Aufblitzen von Glamour.

Und der dreidimensionale
Silberglanz,
der Sarg
(so lange unser Spiegelselbst),

dieses adiministrative Gehäuse,
geöffnet,

geknackt -

oh, Trojanisches Pferd -

offenbart grinsende Stecklinge
wie der Gott
einer primitiven Religion.

Der Keim unseres Zusammenseins,
der spitze Kuss,
ist enträtselt,

ist die abgeworfene Larve
einer luftgeborenen Idee,
die jetzt uns entgleitet.

Kein Puls beim Unglücksopfer.
Nicht mal mehr leiseste Gefahr.

Und wenn du so tot bist
wie das Bild, dann erst schaust du es.


                                                                           deutsch von Sylvia Geist

Anm. d. Ü: Der Dichter schreibt auf Afrikaans und Englisch, wobei er die  Möglichkeiten der jeweiligen Sprache einsetzt, was sich auch formal, u.a. durch den unterschiedlichen Umfang der Gedichte, ausdrückt. Die deutsche Übertragung versucht, beide Originaltexte zu würdigen, und stellt daher keine reine Übersetzung aus der einen oder der anderen Sprache dar.




ERIK ONDREJICKA


Váha rovnováhy

Váha rovnováhy
v tichom tanci listov
v tele z popola

v oblúčikoch kruhu
cesty nanečisto
čo hneď nebola

Odkóduje jemnosť
aby bola čistá
skúpa na slovo

a z olova stvorí
ako alchymista
znova olovo


Krehkosť

Zasnežená jabloň
so zmrznutou lienkou
ukrytou pred chladom
na noc do lupienkov

kyvadlový pohyb
ktorý neustane
vydýchnutím starca
do skrehnutej dlane

vtáčie hniezdo v ktorom
je odrazu pusto
zvuk budúcej básne
chvejúcej sa v prstoch

hra s mandalou polí
v ustavičnom zrení
a motýlí výkrik
tesne pri plameni

v zdanlivej slobode
čo z povahy núti
rozvetvovať kauzu
príčin rozhodnutí

empiricky merať
v dĺžkach a teplotách
krehkosť vyhradenú
pre zónu života

v darčeku možností
štatistických stavov
keď žiadna aj každá
sa zdá byť tou pravou






Weight of the Balance

Weight of the balance
in quiet dance of leaves
in a body of ash

in orbital curves
of a path in rough sketch
that’s vanished in a flash

Decodes delicacy
so it may be pure
with hardly a word said

and from lead creates
like an alchymist
ever newly lead



Fragility

The snow-decked apple tree
with a frozen beetle
that hid for the night
in the leaves from the cold

pendular motion
that never falters
the old man blowing
on his icy-stiff hand

bird’s nest where there is
sudden desolation
sound of a future poem
trembling in fingers

game with a mandala
of ever-ripening fields
and a butterfly’s cry
too close to the flame

in a seeming freedom
that forces the cause
of reasons for decisions
to spread many-branched

empirically to measure
in lengths and temperatures
fragility reserved
for the zone of life

in the gift of potential
statistical states
when none and all seem
to be the right one

englisch von John Minahane

SYLVIA GEIST


2 merzette

11

: konsensschrei
betretene spaßpedale
diskret verkabelte aale
vergossenes blei

antennengeweih
der elendskathedrale
das prima postmortale
drunter- und drüberraschungsei.

die windschattenspende
die lauschigen triümphe
die hände

in der wäschenymphe
im hättegelände
die spinnennetzstrümpfe






12

liebe krise!  der spinnennetzstrumpf überm gewicht
ihr neuestes sonst alles die vertraute masche
das große leiermaul die geile mitnehmtasche
schluckt die letzte kröte und scharniert sich nicht

weiter zwischen gutböse. die preise fürs tv-gericht
drücken steigende anorexiakurse also bitte rasche
gebote vörschläge zum ankauf des schicksals asche
damit möbeln wir den begnügungspark auf! sprich

dir den slogan vor /: ich kann das nicht / tempore mutantor


wir sind alle individuen sagt merz / ich nicht brüllt der chor



zuerst erschienen in: umverkehrte zertrümmerung. 15 merzette.
mit 16 collagen von arne rautenberg. kottnik booklet, hamburg 2015


Maskenball

                  ARNE RAUTENBERG
                    SACRE



GISBERT AMM


Vier Senryū über Corona


În diesêm Sênryū

ûber Corôna trâgen

dîe Wôrter Mâsken.



In diesem Senryū

über Corona schert es

die Wörter gar nicht.










In______diesem______Senryū

über______Corona______halten

die______Wörter______Abstand.



In |||||||||||||||| diesem |||||||||||||||| Senryū

über |||||||||||||||| Corona |||||||||||||||| wurde

es |||||||||||||||| übertrieben.

MIRIAM CALLEJA


I hide

I hide behind a mask
    (eyes that around a million years ago witnessed the start of our love story
and did not
know how to continue it)

Solitude is loud
    (the neighbours are at each other’s throats, chasing each other and the kids; they seem
crazy but I still wish we had that kind of passion)

The fear is real and it’s coming to get you
    (have you washed your hands? Wash them again if you’re unsure. Don’t touch anything.
Remove your shoes, remove your love. Forget. Forget everything. Wash away what’s missing.)

The pandemic has arrived
    (one day we should go to the capital city while it’s deserted. We’ll visit as though there’s
nobody but us left. As though everybody’s gone away. Only you and I.)

The virus doesn’t kill you
    (they say that the first cut is the deepest. That first time you really fall in love. How should we measure love? Do you think it’s true that as long as you’re loving you keep forgiving,
keep digging, keep hurting?)

Statistics
    (if you answer this, I will be able to calculate the kind of distance you need)



Ich, versteckt

Ich, versteckt hinterm Mund-Nasen-Schutz
    (Augen, die vor geschätzten Jahrmillionen unsre Liebe entstehen sahen
und nichts
wussten von ihrem möglichen Fortgang)

Die Vereinzelung lärmt
    (Nachbarn springen einander an die Kehle, hetzen sich und die Kinder, nah am
Wahnsinn, und ich denk nur: Wärn wir einmal so leidenschaftlich gewesen)

Angst nimmt Gestalt an, packt dich
    (hast du die Hände gewaschen? Wasch sie zur Sicherheit nochmal. Nichts berühren!
Schuhe aus! Liebe aus! Vergiss. Vergiss alles. Wasch ab, was dir fehlt)

Die Pandemie ist hier
    (wir sollten mal in die Hauptstadt, dann, wenn sie menschenleer ist. Sie besichtigen,
als wär keiner da, nur wir. Als wärn alle woanders. Du und ich ganz allein.)

Der Virus tötet dich nicht
    (the first cut is the deepest, heißt es, wenn du zum ersten Mal liebst. Wie sollen wir
Liebe denn messen? Glaubst du, es stimmt, dass du immer weiter entschuldigst, suchst,
wehtust, solange du liebst?)

Statistisch gesehen
    (falls du mir antwortest, kann ich sicher hochrechnen, welche Distanz du jetzt brauchst)



deutsch von Karin Fellner

MARTINA STRAKOVÁ


nasadím si masku

aby som mohla lepšie dýchať
plynovú masku     filter    potrebujem        
                                                                        druhú
                                                           kožu
tá moja už medzičasom scitlivela          je svetloplavá         skrytá
                  som skrytá
                                              v skrytosti
                                                                     citlivá na slnko
                  a rozprávam sa s anjelmi
                                                                 Uriel         môj
archanjel                    môj ochranca                                prosím
                 dávaj na mňa pozor
         ochrannou rukou                      akoby na obraze od Leonarda
         vidím         jantárovo-žiarivý trojuholník
                  tesne pred mojou tvárou
         neón
pred mojimi očami o polnoci


zum atmen

setze ich eine maske auf
          eine gasmaske    einen filter   brauche ich
                                                                                        eine zweite
                                                 haut
meine ist inzwischen                            fadenscheinig  und verborgen
                                  bin ich insgeheim
                                                                     daheim
                                                                                       lichtempfindlich
          spreche ich mit Engeln
                                                                    mit Uriel                  meinem
Erzleuchter              meinem Sonnenschutz              halt
                        bitte die Hand
              drüber  meinetwegen       wie auf diesem Bild von Leonardo
              bernsteingelbes Dreieck
                       direkt vor meinem Gesicht
              schütze vor Neon
um Mitternacht meine Augen

                                                                           anhand einer Internlinearübersetzung von Martina Straková
                                                                                                                                          nachgedichtet von Sylvia Geist

SRIDALA SWAMI


Five Falls, Kuttralam
For Veena Muthuraman

A face not so much
an image as an after-image
the dark patch where
the sun had been before
you looked away.
The centre turning
its inside face out.

No, a long hum

Never sure afterwards
    if you stood there
    if you survived
    if what emerged
out of the water was spectral
or what went into it.




Synaesthetic

Passport photographs are libellous.

I demand that you send
when you are asked for a likeness
a picture of your voice instead.

Go into a recording studio
and wait for a light to go green before
you speak your name clearly into a microphone.

They will print for you a waveform image
of your voice. In its lines, asymmetrical but steady,
I will detect the timbre of your voice

and know you by these lines that rise and fall -
abstract as thumb impressions or spectographs -
all shape and pattern, darkness and light.

One day, because we need to make
portraits of our voices
if we want our pictures to speak to us

you and I might find ourselves
in that studio, having our voice-impressions taken.
And because no one else need identify us

by these pictures, you will speak my name
and I yours. We will lay these photographs
(where our voices are intent and serious)

one beside the other and marvel
at how beautiful our names look
when spoken by another.



aus: Escape artist, Aleph Book Company 2014, New Delhi




Five Falls, Kuttralam
Für Veena Muthuraman


Ein Gesicht nicht so sehr
ein Bild als ein Nachbild
der dunkle Fleck wo
die Sonne war
bevor du wegsahst.
Die Mitte kehrt
ihre Innenseite heraus.

Nein, ein langes Summen

Nie sicher später
    ob du dort standest
    ob du überlebt hast
    ob was auftauchte
aus dem Wasser ein Geist war
oder was hineinlief.



Synästhetisch

Passfotos sind Verleumder.

Statt eines Porträts
verlange ich ein Bild
deiner Stimme von dir.

Geh in ein Aufnahmestudio
und warte auf grünes Licht,
bevor du deinen Namen in ein Mikro sprichst.

Sie werden dir ein Diagramm ausdrucken.
Aus seinen Kurven, asymmetrisch, doch verlässlich, werde ich deine Klangfarbe ermitteln,

dich am Auf und Ab dieser Linien erkennen -
abstrakt wie Daumenabdrücke oder Röntgenbilder -
alles Umriss und Muster, Dunkel und Licht.

Eines Tages, wenn wir Porträts
unserer Stimmen brauchen,
wenn wir miteinander reden wollen,

finden wir uns womöglich nach Aufnahme
unserer Stimmabdrücke in diesem Studio wieder.
Und weil niemand sonst uns identifizieren muss

anhand dieser Bilder, sagst du meinen Namen
und ich deinen. Wir werden diese Fotos
(auf denen unsere Stimmen aufmerksam sind

und ernst) nebeneinander legen und staunen,
wie schön unsere Namen aussehen,
wenn ein anderer sie spricht.



deutsch von Sylvia Geist

HANS WAGENMANN


Vom blattlosen unterarm, der im laub sich von den
namen seiner finger zu verabschieden schien, goss
sich wasser auf ihr haar

wessen haar. kein antworten blieb. kein beischlaf
anderer körper, die nahe lagen. ein weiterer legte
kleidung neben das gehölz, in dem ich schlief

die kleidung einer frau, die ich nicht war. und doch
zog ich sie mir über, um für den moment, da
das wasser versagte, gerüstet zu sein

wappen trugen wir seit tagen auf der stirn




Der helm gab schutz, dass die
wärme des schädels, die
augen sahen den rest des
fallenden körpers, im
mitstürzenden schnee
nicht verloren ging.

der schnee hatte die häuser
zu sich genommen.

in die geöffnete jacke
kniete sich ein anderer
ein, als sei er abschied.
abschied, der in selber
weise mit ankunft hätte
gerufen werden können,
mit dem beginn des sturzes,
der jetzt zum ende kam und
sich darin mehr und mehr
einem mund anglich, der leicht
geöffnet nach wasser rief
und hunger





Hohlkörper oder wange, dem sich ein atemzug
näherte, abtastend, als sei er noch das
stück brot, das klein geschnittene brot

das der vogel eben, ich hatte es ihm auf ein
hölzernes geländer gelegt, mit sich
genommen hätte

als verschwände damit ein name, der
name der stadt, in der ich mich jahre
zuvor begonnen hatte auszuschreiben

als läge darin der trost dem bisherigen
leib abschied zu sagen, vom gebet nicht
mehr entfernt auf einen boden zu sinken

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